Reise-Kids

Mit Kindern die Welt entdecken

Radtour mit Jugendlichen – unsere „Tour de France“ an Saar und Mosel in Frankreich

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Es wird Zeit für einen schonungslos ehrlichen Bericht über das Reisen mit Jugendlichen im Allgemeinen sowie das Radeln mit Halbstarken im Besonderen. Im letzten Jahr wagten wir ein Reise-Experiment, auf das wir uns naiver Weise spontan eingelassen hatten. Wir radelten mit vier Jugendlichen über die Saar und Mosel nach Frankreich. Eine ereignisreiche Woche über eine etwas andere „Tour de France“ und mancher Erfahrung, auf die man gut und gerne verzichten kann.

„Nich schon wieder Rad fahren. Ich hab echt keinen Bock auf eure Familien-Radtouren!“ äußert sich mein fünfzehnjähriger Sohn gereizt zu meinem diesjährigen Radreiseplan. Zugegebenermaßen hatte ich im Stillen schon mit dieser – oder einer ähnlichen – Reaktion gerechnet. Schon im letzten Jahr kündigte sich bei ihm eine gewisse Abneigung bezüglich unserer Reisegewohnheit, nämlich Rad zu fahren, an. Kurzum, unser Sohn wird erwachsen und benötigt die Abgrenzung zu familiären Gewohnheiten. Der Abnabelungsprozess hat begonnen. Doch leider kann ich mich als Mutter nicht so einfach damit abfinden und versuche daher ihm die Sache schmackhaft zu machen. Und so platzt es (leider) unvermittelt aus mir heraus: „Dann nimm doch einfach ein paar Freunde mit!“ Zu spät – es war ausgesprochen! Jetzt konnte ich nur noch hoffen, dass er auch daran kein Interesse haben würde. Doch leider hatte ich mich in dieser Hinsicht gründlich getäuscht. So vehement er diese Tour zunächst abgelehnt hatte, so interessant erschien ihm nun die Vorstellung mit seinen Freunden auf einer Radtour das Nachbarland Frankreich unsicher zu machen. Und auch die beiden naheliegenden Hindernisse – die Freunde haben keinen Bock oder deren Eltern geben ihre Erlaubnis nicht – waren rasch aus der Welt geschafft. So schnell konnte ich gar nicht „Das war doch nur so eine Idee“ aussprechen, hatten die Jungs alles für sie Wichtige geplant und das nötige Equipment besorgt. Für die Freunde meines Sohnes war es die erste Radtour ihres Lebens – dieses Unternehmen roch also nach einem großen Abenteuer.  Mir jedoch trieb der Gedanke für drei aufgeweckte, und zu jedem Unfug bereite, Jugendliche eine Woche lang Nanny sein zu müssen, der kalte Angstschweiß auf die Stirn. Fehlt mir doch jegliche fundierte pädagogische Ausbildung, um dieser herausfordernden Aufgabe gerecht zu werden.

Ankunft – Sortieren, Agieren und Parieren

„Aller Anfang ist schwer“ – ist eine Weisheit, die uns auf allen unseren Radreisen immer wieder einholt. Es dauert immer ein paar Tage bis man sich an den neuen Umstand „Reise“ gewöhnt hat. Für unsere beiden jungen Greenhorns gilt dies in besonderem Maße. Sie haben noch überhaupt keine Erfahrung im klugen Sortieren und Packen der Ausrüstung. Fairerweise muss ich gestehen, dass sich unser Sohn (als alter Radreise-Hase) in dieser Hinsicht in keinster Weise routinierter anstellt. So dauerte das erste Packzeremoniell mit Arbeitsanweisungen im Feldwebel-Kommando-Ton – diese einfachen Sprachbefehle verstehen die Heranwachsenden am besten – mehr als doppelt so lange als gewöhnlich. Bei der Sache bleiben ist nicht so ihr Ding, im abschweifenden Blödsinn machen dagegen erweisen sie sich als wahre Meister. Trotz der fehlenden pädagogischen Ausbildung habe ich die Jungschar jedoch erstaunlich gut im Griff. Mir scheint, dass sich die Feldwebelmethode als die bessere Qualifikation für dieses Alter erweist.  Vielleicht ist es aber auch die Aufregung und Unsicherheit der Jungs, dass sie sich gerne von einem erfahrenen Erwachsenen anleiten lassen. Irgendwann ist es dann endlich geschafft und es kann losgehen. 

Streckenfindung durch moderne Navigation versus Realität

Laut Vereinbarung mit den Erziehungsberechtigten dürfen die Kids alleine fahren, nachdem ich darauf gedrängt hatte, dass die auf keinen Fall oben ohne radeln würden. Die Kinder noch einmal eindringlich an diese Abmachung erinnert, überlassen wir die vor Kraft und Abenteuerlust strotzenden Jungs ihrem Schicksal. Einzig unsere „kleine“ Tochter belassen wir in unserer Obhut, worüber sie gar nicht amused zu sein scheint. Mit den Jungs zu fahren ist in ihren Augen viel spannender, als mit den ollen, langweiligen Eltern zu radeln. Das kann ich gut verstehen, weiß aber genau, dass sie bei dem Tempo, welches die Jungs an den Tag legen, niemals mithalten könnte.

Der deutsche Saarradweg folgt auf seiner ganzen Länge der Saar. Von Saarlouis über Merzig geht es für uns vorbei an der sehenswerten Saarschleife bei Mettlach. Wir folgen weiter dem Radweg zur Mündung der Saar bei Konz in die Mosel. Auf keinem nennenswerten Streckenabschnitt verlässt der Radweg den schönen Fluss. Umso erstaunter sind wir, dass wir die Jungs nirgendwo sehen oder einholen. Die haben ja ein sportliches Tempo drauf, denken wir bei uns. Irgendwann klingelt unser Telefon und ein etwas abgekämpfter Junior erklärt, dass sie gerade einen ziemlich anstrengenden Anstieg bewältigt haben. Hä, ein Berg auf dem Saar-Radweg? Es stellt sich dann sehr schnell heraus, dass unsere Jungs die vielen Radwegschilder einfach ignoriert und sich lieber auf ihre moderne Navigationstechnik verlassen haben. Mit den Tücken von Goggle Maps nicht gänzlich vertraut, lotste das clevere Navi-System unsere Radanfänger über die Landstraßen der Region. Zum Glück waren die Jungs wenigstens so schlau gewesen nicht über die Autobahn zu fahren. Mit unserer Hilfe lernt der technikverliebte Nachwuchs eine völlig uncoole, jedoch idiotensichere, Old-School-Navigation kennen: das Schilderlesen. Ab diesem Zeitpunkt klappt das mit dem Fahren auf Radwegen. Und da soll mal einer behaupten die Jugend von heute wäre nicht lernfähig! 

Akkumulatoren geben ihren Geist auf – oder die Suche nach der endlosen Energie

Hinter Konz folgen wir der Mosel flussabwärts, um der ältesten Stadt Deutschlands Trier einen Besuch abzustatten. Nach diesem sehr sehenswerten Abstecher geht es wieder in gegengesetzter Richtung der Moselquelle entgegen. Bei Wasserbillig überqueren wir die deutsch-luxemburgische Grenze, um auf luxemburgischer Seite der Mosel nach Frankreich zu folgen. Mit Überschreitung der Grenze zu Frankreich heften sich die Jugendlichen – wohl aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus – an unsere Fersen. Folglich fahren wir nun die meiste Zeit des Tages zusammen, was ja eigentlich gar nicht so geplant war.

Entlang der Mosel in Luxemburg

Kleiner aber bekannter Ort im Dreiländereck Deutschland, Frankreich und Luxemburg: Schengen

Französische Beschilderung des Moselradweges

Die Jungs entwickeln einen sichtlichen Spaß am Radeln. Mit erstaunlicher Kraft und Durchhaltevermögen schaffen sie locker achtzig Kilometer und mehr am Tag. Ihre körperliche Akkuleistung scheint unendlich zu sein, im Gegensatz zum Kraftspeicher ihrer zahlreichen Elektrogeräte, die wie selbstverständlich zum Rad-Equipment dazu gehören. Drei Smartphones und ein Sound Core Mini Super Mobiler Bluetooth Speaker – eine moderne, jedoch erbärmlich wirkende, Version des guten alten Ghettoblasters – sind quasi rund um die Uhr im Einsatz. Da kapituliert jede Power Bank. So verbringen die Jungs den ganzen Abend und die halbe Nacht auf der Toilette und beschallen dabei jene Unglücklichen, die ein wirklich dringendes Bedürfnis haben mit ihrer überaus coolen Mucke. OMG – für alle, die bei dieser Musik Diarrhö bekommen.

Ein bisschen Spaß muss sein – die regel- und zügellose Welt der Jugend

Im Verlaufe einer solchen Tour muss sich der gestandene und erfahrene Radfahrer mit so manchen Tabu- und Regelbrüchen der nachfolgenden Generation auseinandersetzen. Erziehung hin oder her, es gibt ein Alter in dem es offenbar wichtig ist genau das Gegenteil von dem zu tun, was man als wohlerzogener Mensch einfach tut. Diese erhellende Erfahrung mussten wir Erwachsene in Bezug aufs Radeln ebenso machen, wie im allgemeinen Benimm auf Campingplätzen. Dabei waren die Erlebnisse haarsträubend bis eklig.

Zu Ersterem fällt mir dazu die Missachtung der allgemeinen Straßenverkehrsregeln ein. Mehrmals musste ich den Jugendlichen erklären, dass in Frankreich Rechtsverkehr herrscht und nicht wie bei unseren britischen Freunden am linken Straßenrand gefahren wird. Diese Ermahnungen verhallten jedoch in der französischen Walachei. Im Gegenteil. Um weiterhin zu provozieren fuhr der Verkehrssünder lieber mitten auf der Landstraße und lenkte sein Rad bei nahendem motorisiertem Gegenverkehr mal eben rasch an den jeweils näheren Straßenrand. 

Bei übermäßig vorhandener Energie wurden schon einmal Kunststücke auf dem Rad vollführt, die den jeweiligen Hintermann – nur ganz leicht – in Gefahr bringen konnten, das verrutschte Gepäck und die Spannbänder baumelten fröhlich zwischen den Speichen hin und her (was soll’s) und nach ein paar Tagen war das Helmtragen auch nur noch eine Kür. 

Auf den Campingplätzen versuchten wir Erwachsenen so zu tun als gehöre die Rasselbande nicht zu uns, was natürlich selten wirklich gelang. Beim Duschen hatten die Jungs ihren Spaß mit Wasserspielen, die meist das halbe Gebäude unter Wasser setzten, in den Toiletten flogen Klobürsten zwischen den Kabinen hin und her und im Freien waren die Lieblingsspiele der Chaoten Dosenwerfen und Lebensmittel anzünden oder wahlweise in Gewässern versenken.

Im Nachhinein muss ich gestehen, dass ich ganz froh darüber bin kein Pädagoge zu sein, sonst hätte ich nach dieser Woche wohl an der Qualität meiner Ausbildung gezweifelt. Viel wertvoller erwiesen sich dagegen meine Meditationskenntnisse, die sich auf dieser Radtour mehr als bezahlt gemacht haben.

Gut für´s Gemüt – Radeln durch die französische Walachei

Interessanter Stopp für die Jugend – französischer Geschützbunker

Auf ein Neues – Fazit einer Woche „Tour de France“ mit Jugendlichen

Nach 460 Kilometern von der Saar über die Mosel und quer durch Lothringen zurück an die Saar kann ich dennoch eine positive Gesamtbilanz ziehen. Wir alle leben noch, keiner der Jugendlichen hat sich ernsthaft verletzt, eine Haftungsklage aufgrund von Wasserschäden ist bisher ausgeblieben, ich habe keine Klobürste auf den Kopf bekommen, diverse Umweltverschmutzungen wurden beseitigt und ich bin endlich wieder nur für zwei Jugendliche verantwortlich.

Und jetzt mal im Ernst: Lasse ich das oben geschriebene einmal komplett außer Acht, hatten wir alle eine verdammt schöne Woche. Es gab viel zu lachen mit den Jungs und die zahlreichen Erlebnisse haben die Jugendlichen sichtlich geprägt. Es war für sie ein richtiges Abenteuer, trotz unserer Anwesenheit, die ihnen eine gewisse Sicherheit bot. Das Feedback der Radneulinge zu unserer Radtour fiel zu meinem Erstaunen überaus positiv aus. Mir scheint, dass wir bei den Jungs den Grundstein für etwas Neues gelegt haben – im nächsten Jahr wollen sie alleine losziehen. 

Wir freuen uns immer über Kommentare zu unseren Reiseberichten! 

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2 Kommentare

  1. Wunderbar geschrieben.meine sind erst zehn und dreizehn aber einiges kann ich mir lebhaft vorstellen:)) wir planen diesen Amer unsere erste radreise und ich bin schon sehr aufgeregt

    • Danke für deinen netten Kommentar, Bianca. Ja, das Reisen mit Kindern bleibt auch noch in jugendlichem Alter spannend. Ich hoffe, ihr habt ebenfalls eine schöne Tour mit euren Kindern, wie wir das hatten.

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