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Ponta Delgada und Fährfahrt nach Faial

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Heute fahren wir zurück nach Ponta Delgada. Wir wählen natürlich den schwersten, aber auch kürzesten, Weg zurück in die Hauptstadt. Die Route führt über eine Passstraße vorbei an den Bergen Pico da Cruz (845 m) und Pico das Eguas, der mit 873 Metern die höchste Erhebung der Westküste ist. Zusätzlich durchquert die Straße die Naturschutzgebiete Parque Lagoa do Canario und Parque Lagoas Empadadas mit ihren zahlreichen schönen Bergseen. Landschaftlich ist dies die schönste Route zurück nach Ponta Delgada, allerdings auch die beschwerlichste. Gleich zu Beginn geht es steil bergan. Die Straße wurde wahrscheinlich kürzlich erst erneuert, sodass der Asphalt noch wenig Gebrauchsspuren aufweist. Zunächst führt die Straße durch dichtes Waldgebiet, das aber immer wieder einen Blick ins Tal zulässt. Irgendwann hören die Wälder abrupt auf und man findet sich in einer ganz anderen Welt wieder. Auf den letzten Höhenmetern vor dem Pass wird die Landschaft immer kahler und unwirtlicher. Das heutige Wetter verstärkt diese unheimliche Szenerie noch. Dicke Nebelschwaden zwängen sich über die Hügelketten, die über und über mit fahlgrünem Moos bedeckt sind. Die Luft liegt feucht und schwer über den Hängen und kein Laut ist zu hören. Kurz vor der Passspitze treffen wir auf eine Quelle. Hier trinke ich zum ersten Mal Wasser, ohne es zuvor abgekocht zu haben. Auf diesen Höhenzügen sind weit und breit keine Rinder zu sehen. Zum ersten Mal seit wir auf den Azoren sind, fühle ich mich weitab von menschlicher Zivilisation. Der Spuk ist jedoch schnell vorbei. Wenige Meter unterhalb der Passspitze lassen wir den alles einnehmenden Nebel hinter uns und sehen in weiter Ferne die Südküste mit ihren kleinen weißen Fleckchen, die Siedlungen der Westküste. Das Blöken von Schafen und Bimmeln von Kuhglocken begleitet uns auf dem Weg nach unten. Ein Traktor tuckert hinter uns her. Die ländliche Welt hat uns wieder. Kurz vor der Ortschaft Relva gelangen wir wieder auf die Küstenstraße. Von dort ist es nur noch einen Katzensprung nach Ponta Delgada.

Den nächsten Tag, einen Sonntag, verbringen wir in Ponta Delgada. Morgen verlassen wir die Insel Sao Miguel. Da die Schifffahrt sicherlich anstrengend wird, wollen wir uns heute ein wenig ausruhen und die Stadt ein wenig näher kennenlernen.

Ponta Delgada ist das wirtschaftliche Zentrum der Insel Sao Miguel und der gesamten Azoren. Dennoch besitzt die Kleinstadt wenig Flair. Es gibt zwar hier und da schöne alte Bauten und kleine nette Parks, das Gesamtbild der Stadt jedoch ist ziemlich nüchtern und modern. Die neueren Häuser der Stadt erinnern an ehemalige Plattenbausiedlungen des deutschen Ostens. Das Leben der Stadt spielt sich hauptsächlich an der Uferpromenade  ab. Es gibt Geschäfte, Supermärkte, Cafés, Hotels, Büros jeglicher Art, Restaurants und im Stadtkern das Einkaufscenter Solmar. Es verbindet mehrere kleine Geschäfte, Schnellrestaurants, Cafés und ein Kino unter einem Dach. Auf einen Mitteleuropäer allerdings wirkt dieses Einkaufscenter dann doch eher mickrig. Die eigentliche Shoppingmeile liegt etwas weiter stadteinwärts. Dort findet man hauptsächlich kleine Geschäfte und Boutiquen, die weitaus reizvoller sind, als das amerikanisch wirkende Solmar. Doch auch hier, wie überall in der Stadt, ist es an den Wochenenden wie ausgestorben. Erst am Abend füllen sich wieder die Cafés und Restaurants der Stadt, und man hat das Gefühl, dass hier mehr als eine Hand voll Menschen leben.

Ponta Delgada hat wenige Sehenswürdigkeiten zu bieten. Dennoch ist die Stadt für einen Reisenden die erste und wichtigste Anlaufstelle. Die Touristeninformation in Ponta Delgada ist nach unserer Erfahrung die einzig brauchbare der Azoren. Zudem ist die Infrastruktur für einen Reisenden auf Sao Miguel am besten. Es gibt von Ponta Delgada aus die besten Busverbindungen über die Insel und die größte Auswahl an Mietwägen und Übernachtungsmöglichkeiten. Leider gibt es in Ponta Delgada, wie auf der gesamten Insel Sao Miguel, keinen Campingplatz. Die Touristeninformation weist einen  offiziellen Campingplatz in der Stadt Nordeste an der Nordostküste aus (doch dazu später mehr). Man wird sich bei der Ankunft erst einmal ein Zimmer suchen müssen, oder weit außerhalb der Stadt wild campen. Sehr gut als erste Übernachtungsmöglichkeit ist die Jugendherberge der Stadt. Diese liegt etwas außerhalb an der Rua Sao Francisco Xavier. Andere Übernachtungsmöglichkeiten gibt es in Ponta Delgada zahlreich, jedoch selten preisgünstig. Ein bisschen suchen lohnt aber schon.

Am Morgen des neunten Reisetages verlässt der Hochseedampfer gegen acht Uhr den Hafen von Ponta Delgada. Mein Freund ist der Meinung, dass man auf so einem großen Schiff den Seegang gar nicht wahrnehmen würde. Trotzdem ist mir jetzt schon schlecht. Ob das wohl mit meiner Schwangerschaft zusammenhängt?

Das Schiff macht auf mich einen maroden Eindruck. Unter Deck ist vieles reparaturbedürftig. Dennoch versucht man alles penibel sauber zu halten. Dafür sorgt eine Heerschar von Crewmitgliedern. Ständig wuselt einer mit einem Putzlappen durch die Gegend (Oder haben einige schon angefangen zu speien?). Der Seegang ist deutlich spürbar und ich verkrieche mich auf eine Doppelsitzreihe unter Deck und versuche ein wenig zu schlafen. Im Liegen mit geschlossenen Augen hält man das ständige Wanken gut aus. Irgendwann schlafe ich dann ein.

Das Schiff schippert über die Inseln Terceira (mit Aufenthalt), Graciosa (mit kurzem Aufenthalt), Sao Jorge (mit kürzerem Aufenthalt) nach Pico. Mittlerweile ist es schon später Abend und das anfänglich mäßig gute Wetter hat sich merklich verschlechtert. Eigentlich befinden wir uns mitten in einem kleinen Unwetter. Das Schiff wirft sich regelrecht in die Wellen. Das Schaukeln wird langsam unerträglich. Ich liege nur noch flach auf den Polstern und hoffe, diese Nacht heil zu überstehen. Ständig huschen die Crewmitglieder mit Eimern bewaffnet durch die Gänge und putzen hier und da die Kotze weg. Alles scheint in Bewegung zu sein. Die Gläser und Flaschen hinter der Verkaufstheke und in den Vorratskabinen fallen durcheinander und gehen allesamt zu Bruch. Ich werfe einen verstohlenen Blick auf die Besatzung, die im hinteren Teil des Schiffes zusammensitzt und Scherze macht. Kann ja wohl nicht so schlimm sein, wenn die noch lachen können, denke ich bei mir und beobachte eine Kakerlakenkarawane bei ihrer Reise über den Schiffsboden. Irgendwann erscheint der Kapitän und verkündet, dass das Schiff nach Faial fahren wird, weil der Hafen von Pico ungeschützt liegt und ein Ankern bei diesem Sturm nicht möglich ist. Er weist die Fahrgäste daraufhin, dass sie an der Kasse einen Schlüssel für die Kajüten bekommen. Wir dürfen kostenlos auf dem Schiff übernachten. Mit immenser Verspätung, gegen Mitternacht, legt die Fähre im Hafen von Horta an. Wir beziehen schlaftrunken die uns zugeteilte Kajüte. Aus der Lüftungsanlage weht ein frischer Hauch von Diesel herein. Hoffentlich ersticke ich heute Nacht nicht, denke ich bei mir und lasse mich erschöpft auf die enge Pritsche fallen.

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