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Mit zwei Kleinkindern auf Fahrradtour in Norwegen – zweiter Teil

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Die Setesdalroute in Südnorwegen

Norwegisches Fjordland

Der Morgen beginnt mit strahlendem Sonnenschein. Unser Zelt, das im Schatten alter Kiefern versteckt liegt, ist feucht vom kalten Morgentau, der sich über Nacht wie ein sanfter Schleier auf alles um uns herum gelegt hat. Wie immer bin ich die erste, die wach ist. Ich nutze die seltene und kostbare Zeit für mich, sitze alleine vor dem Zelt und genieße diese ganz besondere, friedliche Stimmung in der Natur, wenn ein neuer Morgen erwacht. Alles um mich herum ist so fantastisch vollkommen, dass ich immer wieder staunen muss und innehalte, dass ich dieses Bild tief in mich aufnehmen kann, für später, als Seelennahrung für Entspannungsmomente, welche mich in eine ganz und gar reale Traumwelt entführen.

Straße durchs SetesdalMit den ersten Sonnenstrahlen, die das Zelt erreichen, zeigt sich Regung im Inneren der Behausung. Für alle, die dieses Phänomen noch nicht kennen: Wenn warme Sonnenstrahlen ein Zelt treffen, wird es im Inneren in Nullkommanichts mollig warm. In einem Schlafsack, der eine Komforttemperatur um etwa den Gefrierpunkt hat, ist man in wenigen Minuten gegrillt, oder hat einen gefühlten Saunagang hinter sich.

Wir sind immer noch auf der Setesdalroute unterwegs und nächtigen in den kühlen norwegischen Wäldern. Heute zählten wir den fünften Tag unserer Tour. Es ist ein milder Sonntagmorgen, den wir mit viel Ruhe und Gelassenheit beginnen. Wir haben keine Eile auf dieser Langzeitreise. So ist es uns auch egal in wie vielen Tagen wir diese Radtour beenden.  Eigentlich könnte man die Strecke von 266 Kilometern locker in einer knappen Woche hinter sich bringen, doch da es für uns am Wegesrand so viel zu sehen und zu erleben gibt, werden wir wohl etwas länger für die Bewältigung der Setesdalroute benötigen.

Radeln in NorwegenUnsere gerade zweijährige Tochter sitzt frisch erholt auf der Picknickdecke und testet mit eifrigem Forscherdrang die etwas schmierige Konsistenz ihrer Honigwaffel. Im Dickicht der Wiese hat sich das schnell herumgesprochen, und so bekommen wir ungebetene und krabbelnde Gäste zum Frühstück. Aus dem Augenwinkel beobachte ich die hungrige Ameisenkarawane, die sich ungeniert an die, auf der Decke verstreut liegenden, Einzelteile der Honigwaffel zu schaffen macht, und passe auf, dass unsere Tochter zum Frühstück nicht versehentlich Ameisen verspeist. Freudig klatscht sie mir mit ihren pappigen Händen ein Honigwaffelstück auf den Oberschenkel. „Nun is aber gut!“, denke ich bei mir und beende sofort die Expedition meiner Tochter, ohne ihre Testergebnisse bezüglich „Wie schmierig und Dehnfähig ist Honig“ abzuwarten und klaube ihr zielstrebig die einzelnen Stücke von den Händen, dem Gesicht, aus den Haaren und der Kleidung.

Das Spiel mit der Ausrüstung.Hm, eigentlich müsste ich sie jetzt irgendwie waschen. Doch Wasser gibt es auf unserem lauschigen Übernachtungsplatz nicht. Der See, von dem mein Mann gestern das Wasser zum Kochen geholt hat, liegt auf der anderen Straßenseite ca. 500 Meter von uns entfernt, und gerade haben wir den Rest zum Teekochen verwendet. Frisches Wasser holen wir erst, wenn wir weiterziehen. Wieder einmal erkenne ich auf unserer Reise, wie selbstverständlich uns der immerwährende Zugang zum Lebenselement Wasser ist und wie sorglos wir eigentlich damit umgehen. Wir werden uns deren Bedeutsamkeit erst bewusst, wenn es nicht wie selbstverständlich zur Verfügung steht. Also muss es halt ein Feuchttuch tun, das eigentlich für die anderen Geschäfte unserer Tochter gedacht ist.

Auf dem Weg in die Berge nach Haukeli

Die Berge immer im Blick im SetesdalDen großen See Bygland haben wir bereits hinter uns gelassen. Gemächlich ansteigend schlängelt sich die Straße nach Haukeli weiter bis Rystad. Auf diesem Streckenabschnitt ist die Setesdalroute nicht mehr brettflach wie zu Beginn der Tour. Wir spüren merklich, dass es in die Berge geht. Hinter der Ortschaft Valle steigt die Straße weiter bis Bykle an. Die Setesdalroute führt auf den letzten Abschnitten ausschließlich auf der Bundesstraße nach Haukeli, speziell ausgewiesene Radwege gibt es nur zu Beginn der Strecke. Wir fühlen uns jedoch bei dem langsamen und umsichtigen Fahrverhalten der Norweger sehr sicher. Unsere Tagesetappen werden mit zunehmender Steigung immer kürzer. Auf den letzten Abschnitten, die Berge hinauf, schaffen wir nicht einmal mehr 30 Kilometer am Tag. Campingplätze gibt es auf dieser einsamen Hochebene nicht mehr, dafür grenzenlose Weite und faszinierende Picknick im Land der TrolleLandschaften. Imposante kahle Berge und steinige Wüsten begleiten uns während des Tages. Wir machen Picknick zwischen den letzten Schneefeldern des vergangenen Winters und die Kinder bauen kleine „Schneemänner“, die in der warmen Mittagssonne rasch wieder zu geschmolzenen Eisresten verkommen. Noch immer ist die Sonne unser ständiger Begleiter, wenn es auch hier oben zwischen 700 und 800 Meter über Meeresniveau sehr kühl geworden ist. Nachts rütteln kalte Winde unablässig an unserer Behausung, wir aber denken nicht daran sie Willkommen zu heißen. In unseren neuen Schlafsäcken schlummern wir selig und geborgen und träumen von geheimnisvollen Trollen aus dem hohen Norden.

Auf der HochebeneVor langer Zeit, als es die Menschen noch nicht gab, besiedelten unsichtbare Wesen den hohen Norden. Trolle! Ihr Name kommt vom norwegischen Wort „trylle“ (zaubern). Es gibt verschiedene Trolle in den unwegsamen Wäldern Norwegens. Wenn sie Übermanns groß sind, haben sie häufig nur ein Auge und auf ihrem Kopf wachsen Bäume und Gräser. Ganz schauerlich sehen sie aus, wenn sie zwei oder gar drei Köpfe haben. Die kleinen Trolle sind winzige Gestalten, die unter Baumwurzeln leben. Meist sind sie hinterhältig und stellen dem Wanderer ein Bein, damit sie etwas zum Lachen haben, wenn der hinfällt. Sei auf der Hut wenn du abends im Wald stolperst, schuld war sicher ein Troll! Am Tage hat man von Trollen nichts zu befürchten, sie werden erst in der Dämmerung aktiv. Das geht dann die ganze Nacht durch bis zum Morgengrauen. Die Trolle müssen sich jedoch vor dem See auf der HochebeneSonnenlicht in Acht nehmen. Bekommen sie einen Sonnenstrahl ab, werden sie zu Stein oder zerplatzen mit einem lauten Knall. Die Menschen haben die Trolle immer weiter in die abgelegenen Gebiete gedrängt, als diese ihre Städte und Dörfer bauten. Dadurch wurde auch die Macht der Trolle eingeengt. Das hat die Trolle sehr verärgert, weshalb sie großen Spaß daran haben die Menschen zu ärgern.

Ist es Fiktion oder Wirklichkeit? Gibt es Trolle oder nicht? Wir fahren in den letzten Tagen unserer Tour untrüglich durch das Siedlungsgebiet der Fabelwesen und spüren förmlich ihre mystische Gegenwart. Natürlich macht es uns auch irre Spaß unsere Kinder zu necken, wenn sie wieder einmal über ihre eigenen Füße gestolpert sind (was am Tag gefühlte tausend Mal vorkommt) und wir ihnen erklären, dass gerade ein unsichtbarer Troll ihnen ein Bein gestellt hat. Fassungslos aber auch voller Neugierde

Teil 2 der Setesdalroute

lauschen sie unseren Erzählungen und drehen sich immer wieder nach allen Seiten um, ob sie den Troll nicht doch irgendwann sehen können. Ich liebe diese entzückende Naivität und glühende Fantasie kleiner Kinder und hoffe, dass ich mir selbst noch lange ein Stückchen davon bewahren kann.

Nach acht Tagen und über 250 Kilometern erreichen wir endlich das kleine Dorf Haukeli, oder Haukeligrend, wie es immer noch genannt wird. Es war eine sehr schöne, lehrreiche, aber auch anstrengende Tour für uns. Wir Eltern haben festgestellt, dass wir bei dieser Menge an Gepäck schlechte Kletterer sind, weshalb wir unsere nächsten Touren in flacheren Gefilden unternehmen wollen. Die Kinder jedoch fanden es sehr aufregend und spannend im Land der Trolle unterwegs zu sein.

Vater und Tochter auf der Suche nach Trollen

(Ein großer Teil der Bilder dieser Seite sind eingescannte Fotos – die Qualität bitte ich zu entschuldigen!)

Wer weitere, konkrete Fragen zum Reiseziel hat, der kann sich selbstverständlich bei uns melden. Wir beantworten gerne eure Fragen.

Einen weiteren Reisebericht über Norwegen findet ihr in meinem Reisehandbuch „Mit Kindern die Welt entdecken“ →

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