Reise-Kids

Mit Kindern die Welt entdecken

Interview mit Nicole von „Nickys Reisewelt“

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Mit der Geburt eines Kindes verändern sich für viele Eltern plötzlich die Perspektiven des Reisens. Mit einem neuen, kleinen Reisebegleiter wachsen die Ansprüche an das Reiseziel ebenso wie die Herausforderungen beim Reisen. Wie gehen junge Eltern damit um? Und was tun sie, um sich trotzdem ihre Reiseträume zu erfüllen? Wie bringen sie die sichtlichen Gegensätze, die Freiheit des Reisens und das Bedürfnis nach Sicherheit für das Kind, in Einklang? Reise-Kids hat bei einer jungen Familie nachgefragt, wie sie dies für sich beantwortet und gemeistert hat.

Die junge Mutter Nicole von »Nickys Reisewelt« wollte sich von den neuen Anforderungen nicht abschrecken lassen. Gemeinsam mit ihrem Mann plante sie eine längere Reise mit ihrem Kind. In der Elternzeit tourten die beiden mit ihrem knapp 3jährigen Sohn drei Monate durch Norwegen und Schweden. Eine wohlüberlegte und gut getroffene Entscheidung, von der sie auch heute noch von ganzem Herzen überzeugt sind.SognefjordDie Geburt eines Kindes ist für jede reiselustige Mutter ein tiefer Einschnitt in das bisherige Reiseleben. In welcher Weise veränderte sich deine Einstellung zum Reisen mit der Geburt deines Sohnes? Welche Gedanken gingen dir als junge Mutter dazu durch den Kopf?

Im ersten Jahr nach der Geburt lag der Fokus ganz klar beim Kind, das Reisen stand im Schatten der Ereignisse. Die Reiselust kam wie von selbst zurück, aber anders. Wir hatten Lust auf Sachen, die auch dem Kind Spaß machen würden und nicht nur uns. Eine ganz neue challenge: Kindgerechtes Reisen. Die Reisen, die zu zweit besser gingen, wie Abenteuerreisen, Backpacking, Wüste, Wanderreisen hatten wir alles schon gemacht. Es gab nichts, was wir noch zu zweit hätten entdecken wollen. So hat sich das Reisen für uns verändert und jetzt macht es Spaß, dem Kind auf eine kindgerechte Weise die Welt zu zeigen.

Wie kam es zu der Entscheidung mit eurem Sohn eine Langzeitreise zu unternehmen? Was waren eure Beweggründe und wer war bei der Umsetzung die treibende Kraft?

Das ist eine lange Geschichte. Den Gedanken daran gab’s schon seit Jahren, aber der richtige Anlass fehlte. Wobei diese Denkweise grundsätzlich falsch ist, denn wenn man einen Traum hat, sollte man diesen nicht aufschieben, bis es irgendwann mal passt. „Jetzt oder nie!“, lautete die Devise, bevor der Kindergarten und somit meine Arbeit wieder losging. Es führte automatisch darauf hin (zum Zeitpunkt der Reise war ich noch in Elternzeit). Früher wäre so ein Vorhaben aufgrund der Arbeit nie möglich gewesen. Es passte einfach alles zusammen und das Ziel hatten wir ein Jahr zuvor schon getestet. Die treibende Kraft waren am Ende wir beide zusammen, aber die vorangegangenen Jahre eher ich.

Bootssteg - Entdecken mit KindGab es Ängste vor dieser langen Reise, wenn ja, wie seit ihr damit umgegangen?

Ängste direkt nicht, eher Bedenken. Es war ein Experiment, wie es wohl ist, 3 Monate zusammen zu sein. Würden wir es schaffen, uns gegenseitig Freiräume zu lassen? Eine Familie kann noch so gut funktionieren, aber so lange am Stück ist etwas anderes als sich nur abends zu sehen. Das war spannend und beschäftigte uns vor der Reise. Wir hatten keine Angst vor Krankheit, oder dass uns die Reise zu langweilig werden würde. Ebenso hatten wir keine Angst davor, dass es dem Kind im Wald nicht gefallen würde.

Beeinflusste die Tatsache, dass ihr mit eurem kleinen Sohn unterwegs seid, die Wahl des Reisezieles? Welche Länder oder Regionen hättet ihr mit einem Kleinkind nicht bereisen wollen und warum?

Ja! Wie ich in der ersten Frage schon gesagt habe, haben wir vor der Geburt unseres Sohnes schon so viele tolle Reisen unternommen, dass uns nicht nach einer Fernreise gelüstete. Das Ziel suchten wir zum Einen danach aus, wo es allen Spaß machen würde: Wald, Einsamkeit, aber dennoch eine Stadt in der Nähe, um eine Beschäftigung für Schlechtwettertage zu finden, wie Schwimmbad. Wir kamen alle auf unsere Kosten, für den Mann war es sein geliebte Schweden, für mich ein neues Land, nämlich Norwegen und das Kind hatte seinen Wald. Zum Zweiten fielen einige Länder aufgrund schlechter Infrastruktur in Bezug auf Gesundheitsvorsorge aus, denn das war uns das Wichtigste. Außerdem möchte ich mit Kleinkind keine Länder bereisen, die tierische Gefahren bergen.

Ihr seid mit einem PKW unterwegs gewesen und habt vornehmlich in Blockhütten auf Campingplätzen übernachtet. Welche Vorteile hatte das für euch als Familie? Könnt ihr diese Übernachtungsart für die Reiseländer Norwegen und Schweden empfehlen?

Für Schweden ist diese Art zu Reisen absolut und uneingeschränkt empfehlenswert. Die Infrastruktur ist hervorragend, das Reisen mit dem Pkw auf schwedischen Straßen sehr entspannt und unsere Campingplätze lagen immer sehr ruhig, teilweise mitten im Wald. Wir genossen Campingflair trotz festem Dach über dem Kopf (Zelten kam für uns nicht in Frage). Die Bandbreite an Campingplätzen ist groß, von Familienplätzen bis zur absoluten Einsamkeit im Wald findet man in Schweden alles und jeder Platz hat seinen ganz eigenen Charme. In der Nebensaison konnten wir ohne Vorbuchungen die Hütten so lange beziehen wie wir wollten, was das Reisen angenehm und flexibel machte. Man muss auf Dauer nur mit dem Minimalismus leben können. Ein weiterer Vorteil lag ganz klar darin, dass das Kind Spaß auf den Plätzen und in der unmittelbaren Umgebung hatte. In Norwegen war genau das Gegenteil der Fall, weshalb wir persönlich Norwegen als Reiseland für eine Langzeitreise auf diese Art und Weise nicht empfehlen können.

Wandern mit KindWie hoch waren eure täglichen Reisekosten mit Kind, und wie kann man beim Reisen in Skandinavien Kosten einsparen?

Bei den täglichen Reisekosten fielen die Hüttenpreise ins Gewicht. Wir wählten immer die kleinsten und günstigsten Hütten. In Schweden kostet die kleinste Hütte, teilweise ohne fließendes Wasser und gänzlich ohne Bad/WC im Durchschnitt 380,00 SEK (ca. 40,00 € – 2015). In Norwegen lagen die Hüttenpreise durchschnittlich bei 450,00 NOK (ca. 47,00 € – 2015). Wobei wir in Schweden bei 7 Übernachtungen nur 6 Nächte zahlen mussten. Da die Hüttenpreise in beiden Ländern pro Nacht und nicht pro Person gelten,  macht es keinen Unterschied, ob man zu zweit reist oder zu dritt mit Kind, ebenso beim Auto, das wir im Übrigen in Deutschland anmieteten, denn ein schwedisches Mietauto hätte unsere Budget gesprengt und die Reise wäre nicht möglich gewesen. Schweden ist ca. 20% teurer als Deutschland. Wir kauften in den günstigsten Discountern ein und zahlten genauso so viel wie im teuersten deutschen Supermarkt. Norwegen ist abartig teuer, weshalb wir unsere Zeit dort von 7 auf 3 Wochen minimierten.  Wir essen sehr gerne Obst und Gemüse, Fleisch entfällt, da wir Vegetarier sind. Aber gerade Obst und Gemüse ist in Schweden und Norwegen sehr teuer, und am Essen sparen wir grundsätzlich nicht. Für das Kind brauchten wir keine extra Dinge, wie Windeln oder Essen, von daher fielen dafür keine zusätzlichen Kosten an. Generell könnte man Kosten beim Übernachten einsparen, indem man  z. B. zeltet anstatt in Stugas/Hütten wohnt. Aber aufgrund des wechselhaften Wetters im Frühjahr kam Zelten nicht in Frage. Man spart auch, wenn man viele haltbare Lebensmittel (Konserven) aus Deutschland mitnimmt. Letzten Endes liegt es aber im eigenen Ermessen, wie minimalistisch oder aufwendig gereist wird. Wir mögen es einfach, was auch zu Hause zutrifft, andere mögen lieber den Luxus.

Lagerfeuer mit StockbrotWelche Gebiete in Norwegen und Schweden könnt ihr anderen reisenden Familien mit Kindern empfehlen? Gibt es besonders kindgerechte Ziele in Norwegen und Schweden?

Können sich Familien für Natur begeistern, dann ist das schwedische Småland die beste Empfehlung, die wir aussprechen können – wegen der vielen Wälder, den Seen und den wundervollen Campingplätzen. Für unser Kindchen waren die Wälder perfekt zum Forschen und Entdecken. Kinder wollen draußen spielen, das hat uns der Kleine ganz klar gezeigt. Norwegen kann in dieser Hinsicht meines Erachtens nicht mithalten und ich kann deshalb kein kleinkindgerechtes Ziel in Norwegen empfehlen. Die meisten Campingplätze liegen an Straßen und nicht im Wald. Die Norweger haben eine andere Vorstellung von Camping. Dort ist es nicht einfach so möglich, aus der Hütte zu treten und in der Natur zu sein, weil die Plätze nur praktisch sein sollen und zur Durchreise dienen. Während wir in Schweden Lagerfeuer errichten durften, waren diese in Norwegen verboten. Bis zum nächsten Wald mussten wir mit dem Auto fahren. Aber wie immer ist es auch hier so, dass jede Familie naturnah bzw. kinderfreundlich anders definiert. Norwegen ist, finde ich, perfekt für Aktivurlauber mit größeren Kindern und landschaftlich ein einzigartiger Traum von Nord nach Süd und Ost nach West.

Was ist auf einer langen Reise mit Kind anders als bei gewöhnlich langen Reisen von 2 – 3 Wochen? Welche Erfahrungen konntet ihr mit eurem Kleinen auf dieser Langzeitreise machen?

Bei einem Urlaub oder einer Reise von 2 bis 3 Wochen haben wir immer das Gefühl, die Zeit besser nutzen zu müssen. Jeder Regentag ist doof, jeder Tag ohne Aktivitäten ist vergeudet. Unsere früheren Reise waren daher eher stressiger, weil wir aus kürzerer Zeit das Bestmöglichste herausholen wollten. Mittlerweile reisen wir entspannter und nehmen uns von vornherein weniger vor. Aber bei drei Monaten kann man sich auch mal viele entspannte Tage gönnen. Mal nichts tun, ohne „schlechtes Gewissen“ zu haben, Regentage in einem Schwimmbad verbringen oder die „Bastelmutti“ sein, die den ganzen Tag mit dem Kindchen bastelt. 🙂 Wir hatten keine Verpflichtungen, außer auf das Kind aufzupassen. So lebten wir in den Tag hinein und der Urlaub definierte sich einfach dadurch, einmal 3 Monate nichts machen zu müssen, einfach nur zu sein. Mein Mann konnte die wertvolle Erfahrung machen das eigene Kind einmal anders und vor allem intensiver kennenzulernen, 24 Stunden am Tag, ein Vierteljahr lang, anstatt wenige Stunden pro Tag, weil er arbeitet. Und auch der Kleine hat es sehr genossen, seinen Papa immer bei sich zu haben. Das ist ein unglaubliches Geschenk, das man seinem Kind geben kann. Unter diesen Umständen waren ihm die Campingplatzwechsel dann schließlich auch egal, und er brauchte keine Eingewöhnungszeit. Nach dem Motto: Zu Hause ist da, wo meine Eltern sind!

Was war für euch das schönste Erlebnis auf dieser langen Reise?

Schwierig, aus 3 Monaten ein Highlight herauszupicken. Der Gletscher Nigardbreen am Sognefjord in Norwegen war ein Highlight, nicht nur landschaftlich, sondern auch weil das Kind die – selbst für Erwachsene – schwierige Wanderung über Steine, Felsen und durch Schnee alleine hin und zurück gelaufen, geklettert und gerutscht ist. Für einen knapp Dreijährigen eine tolle Leistung, und da  waren wir alle drei sehr stolz. In Schweden war es die Midsommerfeier, als wir zu einem Familienfest eingeladen waren. Außerdem war für das Kindchen die gemeinsame Zeit alleine mit Papa immer ein Highlight. Ansonsten waren es vielmehr die kleinen Dinge, die als Highlights herausragten, da es nie viel Action auf dieser Reise gab, sondern vielmehr die freie Zeit im Fokus stand.

Hardangerfjord in Norwegen - ein TraumWelches Reiseziel steht bei euch als nächstes an?

Evtl. die erste Fernreise mit Kind nach Asien oder Nordamerika, aber das ist noch in der Evaluierung.

Vielen Dank liebe Nicole für dieses schöne Interview. Ich wünsche euch noch viele tolle und vor allem entspannte Reisen mit eurem Sohn.

Wer steckt hinter Nicky´s Reisewelt?

Nicole, Jahrgang 1982 und Mutter eines Sohnes, erzählt auf ihrer Reisewebseite www.sausebrausmaus.de von ihren individuellen Reisen rund um den Globus, mit und ohne Kind.

Seit 2002 bereist sie mit ihrem Mann zahlreiche Länder Europas sowie Nord- und Südamerikas. Ihre erste Reise führte sie nach Italien. Vom Reisefieber angesteckt, folgten viele kurze und lange Rund- sowie Städtereisen in Europa, bevor es 2005 zum ersten Mal auf den amerikanischen Kontinent ging, gefolgt von Afrika und Asien.

Alle Bilder dieses Interviews unterliegen dem Copyright von Nicole Ay.

Wir freuen uns immer über Kommentare zu unseren Interviews! 

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