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Mit Kindern die Welt entdecken

Durch Bosnien-Herzegowina mit zwei Kindern (5 und 7 Jahre alt)

| 3 Kommentare

Im Norden von Bosnien

Im Norden von Bosnien

Bosnien-Herzegowina ist kein Reiseland. Mitten in Europa gelegen, auf einem Kontinent, der als wirtschaftlich vorbildlich und reich gilt, liegt der krisengebeutelte und zutiefst gespaltene Kleinstaat und kaum ein Westeuropäer weiß überhaupt, wo genau das 51.000 km² große Land überhaupt liegt.

Auf unserer Osteuropareise führte unser Weg durch dieses wunderschöne Land, mit seinen weitreichenden Karstgebirgen und flussreichen wilden Tälern, deren Schönheit der artenreichen Flora zu verdanken ist, die sich in den Jahren nach dem schrecklichen Bürgerkrieg ihr Terrain zurückerobert hat.

Unsere Reise durch Bosnien-Herzegowina beginnt im Nordwesten des Landes. Über die kroatische Grenze reisen wir nach Bosnien ein. Der mürrische Grenzbeamte mustert unseren alten Bus misstrauisch und vermutet im schwer beladenen Kofferraum wahrscheinlich Drogen oder andere Schmugglerware. Als er jedoch unsere beiden Kinder auf dem Rücksitz erblickt, hellt sich seine Miene schlagartig auf. Breit grinsend und unseren Kindern zuwinkend schaut er nur noch sporadisch in unsere deutschen Reisepässe und stempelt sie, mittlerweile bestens gelaunt, fröhlich pfeifend ab.

Im Herzen BosniensDas Land ist auch heute noch gesellschaftlich tief gespalten. Das spüren wir auf unserer kurzen Durchreise durch das Land. Man wird überall auf Gefahren hingewiesen, die natürlich von der jeweils anderen Volksgruppe ausgehen. Wir sprechen die Menschen nicht auf den Krieg an. Zu wenig wissen wir Bescheid über die dunkle und noch sehr junge Vergangenheit auf dem Balkan, deren Wunden sichtlich noch nicht verheilt sind. Die Menschen erzählen von sich aus über ihre Geschichte und Gegenwart. Manche sind mitteilungsbedürftig und immer noch traumatisiert. Andere reden überhaupt nicht darüber, warnen uns aber vor allen anderen und betonen, dass man in der heutigen Zeit niemandem trauen könne. Wir jedoch fühlten uns immer sicher. Die Menschen begegneten uns jederzeit freundlich, was sicherlich nicht zuletzt an unseren Kindern lag.

Ich erinnere mich daran, dass wir kurz nach der Einreise nach Bosnien bei Banja Luka von einer Polizeistreife verfolgt wurden. Mit Blaulicht uns Sirene drängten sie uns an den Straßenrand und zwangen uns zum Anhalten. Doch auch hier verlief die Passkontrolle nach dem gleichen Muster ab wie bei der Einreise. Als die, bis auf die Zähne bewaffneten, Beamten unsere Kinder erblickten, waren sie wie ausgewechselt. Einer der Beamten riss kurzerhand die Autotür auf und brabbelte fröhlich auf meine verstörte, gerade fünfjährige, Tochter ein. Der andere Beamte befragte uns in einem sehr schlechten Deutsch neugierig nach unseren Reiseplänen. Er freute sich sichtlich Touristen zu begegnen. Mit stolz geschwellter Brust pries er die Schönheit seines Landes an und gab uns allerhand Ratschläge für die Weiterreise durch das Gebirge.

Morgenstimmung am Fluss Vrbas

Einen Übernachtungsplatz für unser Zelt zu finden erweist sich als schwieriger als gedacht. Bei Banja Luka finden wir einen „Campingplatz“ der gerade von einem Bosnier mit viel Liebe zum Detail aufgebaut wird. Aus Mangel an Material muss auch schon einmal das Tarnnetz aus dem letzten Krieg als schattenspendende Überdachung des Picknickplatzes herhalten. Eine Toilette, geschweige den eine Dusche, gibt es nicht. Liegt das hügelige Gelände doch direkt am Fluss, und auf die Frage, wo man sich hier etwas frisch machen kann, zeigt der stolze Besitzer auf den breiten, türkis schimmernden und wunderbar sauberen Strom, der sich tief durch das Tal windet.

Der Strom Vrbas, der Mitten durch das Manjaca und Cemernica Gebirge fließt, eignet sich hervorragend zum Wildwasser und Kajakfahren. Deshalb gibt es hier einige einfache Zeltplätze, die von wenigen, meist osteuropäischen, Wassersportlern als Lagerplatz genutzt werden. Es wurden hier auch schon Welt- und Europameisterschaften im Riverrafting ausgetragen.

Wir fragen nach möglichen Wanderungen in der Umgebung und ernten nur verblüfftes Kopfschütteln. Wandern ist hier keine geeignete Freizeitbeschäftigung, da die meisten Gebirgsregionen noch vermint sind. Abseits der Straßen sehen wir oft die hier typischen Minenwarnschilder. Bosnien ist neben dem Kosovo das am stärksten verminte Gebiet Europas.

Mostar

Mostar

Auf unserem Weg in den Süden passieren wir Dörfer, die auch heute noch vollkommen zerstört und daher verwaist sind. Unsere Kinder können das nicht verstehen und wir finden, sie sind zu jung, um es ihnen ausreichend zu erklären. In der geschichtsträchtigen Stadt Mostar kommen wir jedoch nicht um eine Erklärung herum. Jedes Haus, das an einer Straße liegt, ist von oben bis unten mit Einschusslöchern versehen. Die Fassaden der Gebäude, die noch stehen, sehen aus wie ein Schweizer Käse. Das war bisher schon im ganzen Land so, aber in Mostar sind die Folgen des Krieges noch viel deutlicher zu sehen als anderswo. Auch wenn an allen Ecken und Enden kräftig wieder aufgebaut wird.

Mostar ist eine der wenigen Städte des Landes, in der es einen nennenswerten Tourismus gibt. Das liegt hauptsächlich an der berühmten Stari Most Brücke, die weltweit zum Symbol des Balkankrieges wurde. Sie verbindet heute wieder zwei Stadtteile miteinander, in denen unterschiedliche Ethnien leben. Nachdem der Krieg zu Ende war, wurde sie mit großem Aufwand und mit Hilfe internationaler Geldgeber wieder aufgebaut. Heute ist sie in den Stand der schützenswerten Stätten der UNESCO aufgenommen worden und somit UNESCO-Weltkulturerbe.

Stari Most Brücke

Stari Most Brücke

Unsere Kinder können unsere kurze Erklärung, dass die Häuser deshalb so kaputt sind, weil hier Krieg war, dennoch nicht verstehen. Auch begreifen sie nicht, dass die hier lebenden Menschen sich nicht alle mögen, nur weil sie einen anderen Glauben haben. Sehen sie doch alle ähnlich aus und sind zu unseren Kindern gleichermaßen nett. Die alte muslimische Frau, die am Rande der Straße Obst und Gemüse verkauft und unseren Kindern frische Feigen schenkt, ebenso, wie der kroatische Gastronom, der während des Abendessens die Kinder mit Kunststücken verzaubert.

Unser kurzer Aufenthalt in Bosnien-Herzegowina stimmt uns Erwachsene nachdenklich und macht uns betroffen. Auch wir können nicht verstehen, dass im Herzen Europas ein Land liegt, das vom Rest der Welt vergessen scheint.

Mostar

Mostar

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Wer konkrete Fragen zum Reiseland hat, kann mich gerne über das Kommentarfeld ansprechen.

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3 Kommentare

  1. Ich würde sicherlich nicht auf die Idee kommen durch Bosnien-Herzegowina zu reisen. Schon gar nicht mit Kindern. Aber respekt! Der Bericht ist sehr interessant.

    • Hallo Hans,
      Bosnien-Herzegowina war auch nicht das primäre Reiseziel. Auf unserer Reise in den Süden nach Kroatien durchquerten wir Bosnien nur, fanden es aber auf Anhieb sehr schön, sodass wir uns dann doch fast eine Woche dort aufhielten. Es wird wahrscheinlich auch auf längere Sicht hin kein Reiseland werden. Schade, denn landschaftlich ist es wunderschön.

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